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Thema Haarausfall: „Da ist der Dermatologe wirklich als Kriminalist gefragt“

Freitag, 14. Dezember 2018 12:54

GFH-Interview mit Prof. Dr. med. Gerhard Lutz - Dermatologe mit Praxis und Haar-Sprechstunde in Wesseling bei Köln

Sein Spezialgebiet sind Haarausfall und Nagelerkrankungen. Er ist Initiator und Mitbegründer des Selbsthilfe-Vereins Alopecia Areata Deutschland e.V., Gründer von Hair&Nail, einer Initiative zur klinischen Forschung und sorgt für Fortbildung und Kommunikation zum Thema Haarausfall und Nagelerkrankungen.

Wie viel Haare zu verlieren ist eigentlich normal und ab wann spricht der Fachmann im medizinischen Sinne von einem Problem?

Da streiten sich die Quellen - und eigentlich übernehmen viele nur die Zahlen der anderen…Viele Lehrbücher sagen: Ein Verlust von 100 Haaren pro Tag sei noch normal. Meine Erfahrung lehrt:  Wer über einen längeren Zeitraum täglich 60 bis 80 Haare verliert, hat auf jeden Fall einen abklärungsbedürftigen Befund. 

 

Welche wesentlichen Formen des medizinischen Phänomens Haarausfall gibt es und was sind die Ursachen?

Prof. Dr. Lutz: Wenn wir die Männer mit ihrem genetisch bedingten Haarausfall einmal weglassen und nur die Frauen betrachten, im Wesentlichen drei nicht vernarbende Formen: 1. den diffusen Haarausfall, der sich in einer etwa gleichmäßigen Haarlichtung über den gesamten Kopf bemerkbar macht, wissenschaftlich Alopecia diffusa genannt. 2.  den anlage- oder genetisch bedingten Haarausfall, den Frauen übrigens von ihren weiblichen Verwandten ‚erben‘. Und 3. den kreisrunden Haarausfall, die sog. Alopecia areata, eine Autoimmunerkrankung, die zum vollständigen Haarverlust am ganzen Körper führen kann. Zunehmend beobachte ich in meiner Praxis aber auch vernarbende Formen des Haarausfalls als Resultat von entzündlichen Kopfhauterkrankungen. Der Haarverlust ist in diesen Fällen häufig irreversibel.  

 

Und was genau sind die Ursachen dieser verschiedenen Formen des Haarverlustes?

Der diffuse Haarausfall kann viele verschiedene Ursachen haben. Da ist der Dermatologe wirklich als Kriminalist gefragt: Mangelerscheinungen, vor allem bei Eisen, Zink und Biotin, hormonelle Störungen, Schilddrüsenerkrankungen im Sinne einer Über- oder Unterfunktion, Nebenwirkungen von Medikamenten u.v.m. Beim anlagebedingten Haarausfall beschreibt die Bezeichnung schon die genetische Ursache des Problems. Dazu können bei einer Frau auch hormonelle Störungen, wie etwa eine vermehrte männliche Hormonproduktion oder ein Östrogenmangel, gehören. Der kreisrunde Haarausfall, die Alopecia areata, ist wie schon gesagt, Folge einer autoaggressiven Reaktion der körpereigenen Abwehrzellen, die - aus bisher noch nicht erkannten Gründen - wie Amokläufer die Haarfollikel angreifen und so die Bildung neuer Haare verhindern. Im schlimmsten Fall kann diese entzündliche Reaktion auch zu einer Zerstörung der Haarfollikel führen, so dass kein Haarwachstum mehr möglich ist.   

 

Was ist mit den vielfach genannten Auslösern Umwelt, Ernährung, Psyche?

Aus meiner Sicht werden diese Auslöser in der öffentlichen Diskussion überschätzt. Vor allem der oft zitierte Stress. Dazu gibt es beim Menschen keine verlässlichen Daten. Mag sein, dass mancher Arzt diese Diagnose einfach einmal in den Raum stellt, weil er - sarkastisch formuliert - sonst keine Erklärung und dann seine Ruhe hat… Umweltfaktoren? Da kämen eigentlich nur schwere Vergiftungen oder Verstrahlungen infrage, die so bei uns nicht aufzutreten pflegen. Allerdings will ich hier den zunehmenden Konsum - vor allem bei älteren Menschen - von Medikamenten nennen, deren Nebenwirkungen relativ häufig sehr wohl zu Haarverlust führen können.

 

Und ernährungsbedingte Ursachen?

Auch die würde ich nicht überbewerten. Wir leben in einer Zeit und Gegend, wo die Menschen ausreichend bis ausgezeichnet versorgt sind. Wenn überhaupt dann führt nur ein markanter Eisen- oder Zink-Mangel zu den beschriebenen Phänomenen - abgesehen von massiven Diäten und starker Gewichtsreduktion, bei denen neben Mangelzuständen auch begleitende hormonelle Störungen zu Haarausfall bzw. zu einer Störung des Haarwiederwachstums führen können.

 

Wie groß ist die Zahl der Betroffenen - erfasst und geschätzt?

Darüber gibt es leider keine verlässlichen Untersuchungen. Die Patienten in meiner Haarsprechstunde sind zu 80 % weiblich und zu 20 % männlich oder Kinder. Von den 80 % Patientinnen sind rund 50 % vom diffusen, 20 % vom anlagebedingten also erblichen, weitere 20 % vom kreisrunden Haarausfall und 10 % vom vernarbenden Haarausfall betroffen. 

 

Nimmt die Zahl  der Haarprobleme eigentlich eher zu oder ab?

Thema und Therapien gab es schon in der Antike und sogar im alten Ägypten. Ich denke nicht, dass es wissenschaftlich gesicherte Hinweise für eine Zunahme gibt. Allerdings ist das kosmetische Bewusstsein für das Thema heute enorm gewachsen. Meine Oma hat halt ein Kopftuch getragen oder sich einen - immer dünner werdenden - Dutt gedreht und sich ansonsten mit ihrem Alterungsprozess abgefunden. Unsere zunehmend ältere, gleichzeitig fittere und modebewusstere Bevölkerung ist dazu nicht mehr bereit. Insofern hat das Problembewusstsein und daraus resultierend die Suche nach Abhilfe in der Tat deutlich zugelegt. Zugenommen hat auf jeden Fall, ich hatte es vorher bereits erwähnt, der Konsum von Medikamenten mit haarwuchshemmenden Nebenwirkungen. Dazu gehören vor allem Blutdruck- und Blutfettsenker aber auch bestimmte Blutverdünner, Psychopharmaka, verschiedene Schmerzmittel, die bei Muskel- und Knochenschmerzen eingesetzt werden, und viele andere mehr.

 

Welche medizinischen Möglichkeiten der Therapie gibt es? In welchen Fällen versagen sie?

Grundsätzlich gilt: Je früher ein solcher Prozess gestoppt werden kann, umso aussichtsreicher ist die Therapie. Bei einem diffusen Haarausfall bin ich der oben beschriebene ‚Kriminalist‘, fahnde nach möglichen Ursachen und schließe andere aus. Das nimmt schon einige Zeit in Anspruch. Ist die Ursache gefunden und gesichert diagnostiziert, versuche ich sie zu beseitigen bzw. zu minimieren, falls das möglich ist.  Beim anlagebedingten Haarausfall kann mit Hormonstörungen müssen diese zusätzlich therapiert werden. 1989 wurde zudem entdeckt, dass der in der Bluthochdruck-Therapie verwendete Wirkstoff Minoxidil in einem gewissen Umfang zu Haarwachstum führt, indem er in der Lage ist, die Kopfhautgefäße zu erweitern und teilweise deren Neubildung anzuregen. Er ist heute in entsprechenden Tinkturen enthalten, die äußerlich angewendet werden. Aber auch bei östrogenhaltigen Tinkturen ist eine gewisse positive Wirkung beschrieben.  Bei der Alopecia areata bleibt nur, die Symptome zu bekämpfen. Ich kombiniere in diesem Fall eine äußerliche Kortison-Therapie in Form von Lösung und Creme mit der innerlichen Gabe von Zink-Tablette über einen Zeitraum von ungefähr 12 Wochen. Dabei ist nur das stärkste im Handel befindliche, äußerlich anzuwendende Kortison-Präparat imstande, die Entzündung im Bereich der Haarfollikel wirksam zu beeinflussen. In einem frühen Stadium kann man damit gute Erfolge, d.h. wieder Haarwachstum, erzielen. Im fortgeschrittenen Stadium ist das leider nicht mehr möglich.    

 

Wo stößt der Dermatologe an seine Grenzen und empfiehlt er in diesem Falle auch Haarersatz?

Kommen die Frauen früh genug, kann ich in ungefähr 80 % der Fälle tatsächlich helfen. Das hängt natürlich wesentlich von den Ursachen ab. Aber natürlich stoße ich an Grenzen. Wichtig ist, absolut ehrlich zu sein. Die Leute kommen ja mit großen Erwartungen hierher, da darf man ihnen keine falschen Hoffnungen machen. Im Falle, eine Therapie ist nicht mehr möglich oder ausgereizt, spreche ich das Thema Haarersatz direkt an, empfehle ein Haarteil oder eine Perücke und schreibe ein Rezept aus. Es ist ja absolut wichtig, dass die betroffenen Frauen oder auch die Kinder trotz ihres Mankos ein uneingeschränkt normales Leben führen können.

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