22 September 2021

Raffaella Carrà: Wie sehr wir diese wahre Ikone vermissen

Dezente Schönheit ist immer angebracht. Die Fähigkeit, eine stille Kulturrevolution zu machen. Italien vermisst seine Frau des italienischen Fernsehens.

Wenn wir an die Lücke denken, die Raffaella Carrà hinterlassen hat – dann denken wir neben ihrem legendären blonden Bob an die Revolution ihres bauchfreien Auftritts. Was bleibt, ist eine Reflexion darüber, wie unangemessen, und immer im Übermaß, wir den Begriff “Ikone” verwenden.

Wir verwenden den Begriff Ikone für den neuesten Popstar, der einen neuen Look wagt, für eine Schauspielerin, die alle mit zwei erfolgreichen Filmen verblüffte, für diejenigen, die auch nur einen Millimeter von den Trends der Gegenwart abweichen (und vielleicht auch in Bezug auf die Vergangenheit, für diejenigen, die die wahren Ikonen der Schönheit waren).

Wir alle müssen zugeben: Jeder von uns hat zur Inflation des Begriffs “Ikone” beigetragen, indem wir die “heilige” Bedeutung entleert haben, die das Wort in sich trägt. Aber für Raffaella Carrà wird es nie ein Wort sein, ein Begriff, eine Bedeutung, die im Übermaß verwendet wird.

Dieser blonde Bob, der wie von Zauberhand nach jedem Tanzschritt wieder perfekt saß; dieses gelassene, beruhigende Lächeln, immer angemessen, und das Gegenstück zu diesem denkwürdigen, außer Kontrolle geratenen Lachen, übertrieben aber spontan und ansteckend; ein halbes Jahrhundert Unterhaltung zwischen Innovation und populärer Nationalität. Wenn Raffaella Carrà keine Ikone ist, wer ist es dann?

Wir vermissen Raffaella Carrà, oder vielleicht haben wir sie auch schon seit ihrem letzten Fernsehauftritt Ende 2019 mit “A raccontare comincia tu” (italienische TV Sendung “Du bist dran, zu erzählen”) vermisst, bei dem Raffaella (wieder einmal) die Häuser einiger italienischer VIPs betrat und sie ihre Lebensgeschichte im gewohnt vertraulichen Stil erzählen ließ. Lichtjahre entfernt von der Aufdringlichkeit bestimmter TV-Formate der neuesten Generation.

Raffaella Carrà und die Schönheit, das so, als wenn man über dasselbe spricht. Vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht, dass sie die erste Italienerin war, die uns in den Jahren des italienischen Wirtschaftsbooms und des Dolce Vita die hemmungslosen Amerikanerinnen, Britinnen und Schwedinnen vergessen ließ. Sie beflügelte als sexuell freie Frau die Phantasie der Männer dieser Zeit, und zwar mit der Anmut, die sie in alles zu stecken wusste: weder als Unterwürfige noch als Familien-Crasherin.

Raffaella Carrà ist tot. Ein Satz, der einen ebenso schmerzhaften wie inakzeptablen Widerspruch in sich birgt: Ikonen, die echten, sterben nie.

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