17 June 2024

Estetica im Gespräch mit Stephen Moody, dem Artistic Director von John Paul Mitchell Systems

Er ist Friseurlegende und weltweit bekannter Ausbilder: Seit Juli 2022 leitet Stephen Moody die Entwicklung innovativer Ausbildungsprogramme für Salonpartner auf der ganzen Welt. 

Unter seiner Leitung entsteht eine neue John Paul Mitchell Systems Professional Academy in Santa Monica, Kalifornien, wo innovative Ausbildungsprogramme entwickelt werden. Als Leiter der Vidal Sassoon Academy hat Stephen die Ausbildung weltweit über 30 Jahre lang maßgeblich geprägt und zur Produktentwicklung beigetragen. Er wurde mit dem Intercoiffure Hair Cutting Icon Award in NYC und von Intercoiffure Mondial in Paris, Frankreich, mit dem Knight Award in Anerkennung seiner Beiträge zur Haarschneideausbildung ausgezeichnet. Stephen war Finalist bei den NAHA (North American Hairstylist Awards) und 2024 Finalist in der Kategorie „Haircutter of the Year”.

Stephen ist gebürtiger Brite und lebt mit seiner Familie in Malibu, Kalifornien. Wir haben Stephen im Rahmen des Cut & Color hands-on Workshops im April in Seeheim-Jugenheim getroffen: 

Education ist deine Leidenschaft?

Stephen Moody: Ja! Als ich mit 13 das erste Mal die Salon International besuchte, spürte ich die Aufregung und die Leidenschaft für die Haarbranche. Diese unglaubliche Atmosphäre und Energie. Mit 20 konnte ich von der Salonseite zum Friseur als mein Kunde wechseln. Ich bin sehr glücklich, dass ich heute für Paul Mitchell arbeiten darf. Meine Passion ist, Wissen mit Friseuren zu teilen und ihnen zu helfen, erfolgreich zu werden. 

Was hat die Tattoobranche mit unserer zu tun?

Stephen Moody: Wir haben einige Haartalente an die Tattoobranche verloren. Das sind alles junge, kreative Menschen. Die Friseurbranche war nicht so spannend, da gingen sie zu den Tattooleuten und fühlten, dass sie genau dort hingehören – eben wegen der Kreativität, die sie dort leben können. Aber auch der Tattootrend unterliegt dem Wandel. Irgendwann werden junge Menschen nicht mehr unbedingt ein Tattoo wollen. Fest steht, diese Branche hat viele unserer Haartalente „entwendet“ und somit auch unseren Umsatz. Ich bin der Meinung, in den nächsten 3-5 Jahren werden wir diese coole Person als Kundin wiedersehen. Sie wird wieder in den Salon kommen und der Tattoo-Euro wird zum Haarfarb-Euro werden. 

Schneiden steht heute wieder mehr im Fokus…

Stephen Moody

Stephen Moody: Das ist zu 100% korrekt. Der Wendepunkt war Covid. Dazu möchte ich eine kleine Geschichte erzählen: Wir schickten meine Tochter auf eine Modeschule nach Hollywood, die 4 Jahre dauerte. Nach einem Jahr fragte ich sie, was sie gelernt hatte. Und sie antwortete, das Wichtigste, dass sie in dem Jahr gelernt hatte, war, dass das Modebusiness ein Kreislauf ist. Wenn man lang genug wartet, kommt alles wieder. 

Genauso ist das in unserer Branche. Haare werden länger und länger, um dann wieder kürzer zu werden. Lange Zeit ging es nur um Farbe, doch jetzt geht es um Farbe, Schnitt, Styling – maßgeschneidert natürlich. Ich arbeite viel für Intercoiffure Kanada, USA und Mondial. Die Präsidentin für IC Kanada / USA sagte einmal zu mir: ‘Man kann zuhause seine Haare schneiden, wenn sie Schulterlänge haben, man kann sich ein Glossing machen. Aber man kann seine Haare nicht selbst schneiden, wenn sie kürzer als Schulterlänge sind. Oder wenn man in mehreren Farben Strähnen möchte.’ 

Warum ist das Schneiden so wichtig?

Stephen Moody: Für mich als Paul Mitchell Educator ist es enorm wichtig, das ganze Business wieder nach vorn zu bringen. In all den Jahren habe ich tausende Hairstylisten trainiert. In New York, kurz vor Covid, hatte ich ein Seminar mit acht Friseuren und fragte sie, was sie in diesen vier Tagen mitnehmen wollen. Eine der Damen sagte, sie kann das nicht in einem Wort beantworten. Sie erzählte mir ihre Geschichte und dass das Gebäude, indem sie ihren Salon hat, ihr gehört. Sie ist also relativ abgesichert. Sie hat 12 Angestellte, aber wenn eine Kundin kommt und einen Kurzhaarschnitt möchte, sagt sie ihr, dass ihr das nicht steht. Der Grund, warum sie lügt, sagte sie, dass sie einfach keine Haare schneiden kann. 

Sie weiß, dass sie an einer Kundin mit langen Haaren kaum Geld mit Schneiden verdient. Eine Kundin, die einen kürzeren Schnitt hat, muss in ein paar Wochen zum Nachschneiden kommen. Sie verliert also Geld dadurch, dass sie nicht schneiden kann. Wenn sie Farbe auf Längen und Spitzen aufträgt, sieht sie die Kundin in vier Monaten wieder. Wenn Sie Ansatz und Foliensträhnen in verschiedenen Farben macht, kommt die Kundin in vier Wochen wieder. Ich frage mich in diesem Zusammenhang, wie viele Friseure ihren Kundinnen durch die Blume sagen: „Komm nicht so schnell wieder.“ 

Das wäre doch dasselbe als wenn man zum Zahnarzt geht und lässt sich normalerweise 3 x pro Jahr eine Zahnreinigung machen und der Zahnarzt flüstert dem Patienten, dass er doch nur 1 x pro Jahr kommen muss und ihm empfiehlt, wo er sich auf amazon alle Produkte kaufen kann!

Welcher Haarschnitt ist derzeit dein Favorit? 

Foto: Markus Schmidt

Stephen Moody: Das kann ich nicht sagen, ohne die Kundin zu sehen und ihren Lifestyle zu kennen. Was ich sagen kann, ist, dass ich ein Fan von schönen Haaren bin. Und das hängt nicht vom Schnitt ab. Ich liebe Haare, die über der Schulter enden. Aber ob das ein Bob oder ein Stufenschnitt ist, ist egal. Ich liebe Afrohair, asiatisches Haar, Latinohaar. Was ich mag, ist zu wissen, wer die Person ist. Ich möchte, dass jede Kundin maßgeschneiderte Kleidung in Form einer Frisur von mir bekommt. 

Gibt es heute einen großen Unterschied zwischen US-Friseuren und deutschen?

Stephen Moody: Weniger als noch vor 30 Jahren. Das liegt am Internet. 1964 gab es eine Band in Liverpool, die hatte eine bestimmte Frisur und ihre Musik gab es auf Vinyl. Diese Frisur brauchte fünf Jahre bis sie in Afrika ankam. 2024 kommt eine Liverpooler Band mit neuer Musik und ein paar Sekunden später ist sie per Satellit in Afrika. Make-up, Hair, Fashion, Produktnews – all das verbreitet sich in Windeseile. Der Unterschied zwischen Friseuren weltweit ist heute nicht sehr groß. Alle sind miteinander verbunden. 

Was wünschst du dir für die Profihaarbranche? 

Stephen Moody: Als ich jung war, hatten Friseure richtig viel Geld. Und das würde ich gern wieder sehen. Am Ende profitieren wir alle in der Branche davon, wenn die Kundin im Salon auf dem Stuhl sitzt und sich die Haare machen lässt. Ob es nun Schnitt, Farbe, Waschen & Föhnen oder Dauerwelle ist – wir wollen Geld verdienen. Nach 32 Jahren bei Sassoon war ich wie die Schweiz, ich konnte Friseure aller Marken trainieren. Wir alle im selben Geschäft und wollen die Branche voranbringen. Deshalb ist auch Education so wichtig. Meine große Leidenschaft ist diese junge, angehende Friseurin mit 19/23 Jahren, die ich begeistern will. Ich arbeite gerade an einem Paul Mitchell Professional Cutting Programm und habe da genau diese junge Friseurin im Kopf. Ich will, dass sie eine Verbindung zum Schneiden, Färben, Stylen aufbaut, dass sie Selbstvertrauen gewinnt. Es ist mein Job, ihr diese Energie und diese Selbstsicherheit zu vermitteln.          

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